Traumroute Abruzzen
Auf Tour im Süden Italiens

Die Abruzzen in Italien bieten ein riesiges Wanderrevier. Mit Meerblick und italienischer Kultur, mit Bären und Felsgipfeln. Und sogar mit einem Hauch Wildwest-Romantik.
Von den ligurischen Alpen bis zur Stiefelspitze durchzieht der Appenin „Bella Italia“. Seine höchsten Erhebungen findet dieses Gebirge in den Abruzzen. Oberhalb des Stiefelsporns, zwischen dem Tyrrhenischen Meer und der Adria, zwischen Rom im Westen und Pescara im Osten, schlummert dieses Wohnmobil-Dorado der Extra-Klasse immer noch im Dornröschenschlaf. Keine „Man-spricht-Deutsch“-Schilder, keine entstellenden Liftanlagen, kein alpines Gedränge. Klar, die Abruzzen sind keine Alternative mal eben fürs Wochenende. Wer aber noch ein paar Tage dranhängt, wird feststellen, dass zwischen zahllosen Gipfeln bis zu knapp 3.000 Meter Seehöhe sensationelle Strecken ihrer Entdeckung harren und der Appenin den Alpen sehr wohl das Wasser reichen kann.
 
Schon in Umbrien sehen wir weiter südlich seine gewaltigen Umrisse: Das majestätische Gran Sasso-Massiv mit dem 2.912 Meter hohen König des Apennin, dem Corno Grande. Dieser wuchtige, fast schon Ehrfurcht einflößende Fels dominiert nicht nur den Parco Nazionale Gran Sasso d’Italia e dei Monti della Laga, sondern die gesamten Abruzzen. Wir steuern direkt darauf zu und klettern über Castel del Monte zu ihm hoch. Dort am Marktplatz erregt unser Hymer-Mobil helles Aufsehen. Mit wilden Gesten und erstaunten Ausrufen kommentieren einige Renter, die sogenannten „Anziani“, unser Gefährt.
 
Viele junge Menschen wandern aus dieser Region im verarmten Süden Italiens auf der Suche nach besseren Arbeitschancen ab. So bleiben die Älteren häufig unter sich. Aber die Zeit wird genutzt – etwa fürs
Philosophieren auf der Piazza. Eigentlich unglaublich, was so ein Wohnmobil vermag. Einen „Anziani“ von seinem angestammten Platz auf der Piazza aufzuscheuchen, schafft sonst nur ein Papstbesuch oder die
Fußball-Weltmeisterschaft.

Wir klettern noch 300 Höhenmeter zum Beginn des Campo Imperatore hinauf. Kein Wölkchen trübt den Himmel. Eine annähernd 30 Kilometer lange und acht Kilometer breite Hochebene liegt vor uns. Eine völlig andere Welt. Eine Weite, wie wir sie bestenfalls aus monumentalen Westernfilmen kennen. Mit hängender Kinnlade steuern wir an riesigen Schaf-, Rinder- und Pferdeherden vorbei. Ein Paradies auf 1.600 bis 2.100 Metern Seehöhe. Endlose, sanft gewelllte Weideflächen werden von zum Teil schroffen Felswänden umrahmt. Im Nordwesten begrenzt der „Große Stein“, der Gran Sasso, diese bizarre Zauberlandschaft. Kein Indianerstamm hätte diesen Berg passender taufen können. Beim Vado di Corno dann das I-Tüpfelchen zur perfekten Prärie-Stimmung: Mitten in der Wiese liegt ein ausgeblichenes Rinderskelett. Der völlig abgenagte Schädel und die weitausladenden Hörner glänzen in der brütenden Sonne. Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine Horde Apachen, die unser Wohnmobil umzingeln. Dann wäre der Western perfekt.
 
 

Am Ende des Campo
                           Imperatore thront der „Große Stein“, der 2.912 Meter hohe Gran Sasso.
Am Ende des Campo Imperatore thront der „Große Stein“, der 2.912 Meter hohe Gran Sasso.
In der Burgfestung Rocca di Calascio
                           wurden auch Teile von „Der Name der Rose“ gedreht.
In der Burgfestung Rocca di Calascio wurden auch Teile von „Der Name der Rose“ gedreht.
Die Bergdörfer der Abruzzen liegen weit verstreut
                           und sind meist wahre Augenweiden.
Die Bergdörfer der Abruzzen liegen weit verstreut und sind meist wahre Augenweiden.
In den Saloon-ähnlichen
                           Fleischereien auf dem Campo gibt es schmackhafte Fleischspieße zum Grillen.
In den Saloon-ähnlichen Fleischereien auf dem Campo gibt es schmackhafte Fleischspieße zum Grillen.
Santo Stefano di Sessanio wurde von einem schweren Erdbeben erschüttert,
                           der Kirchturm ist mittlerweile wieder in Stand gesetzt.
Santo Stefano di Sessanio wurde von einem schweren Erdbeben erschüttert, der Kirchturm ist mittlerweile wieder in Stand gesetzt.
Die Pensionisten in den verträumten
                           Bergdörfern haben alle Zeit der Welt.
Die Pensionisten in den verträumten Bergdörfern haben alle Zeit der Welt
Dieser Pilzsucher wurde am Straßenrand des Campo
                           Imperatores fündig.
Dieser Pilzsucher wurde am Straßenrand des Campo Imperatores fündig.
Die Besteigung des Corno Grande ist eine ausgedehnte Bergtour.
Die Besteigung des Corno Grande ist eine ausgedehnte Bergtour.
Die Adria ist niemals fern und mit dem
                           Wohnmobil gut erreichbar.
Die Adria ist niemals fern und mit dem Wohnmobil gut erreichbar.
Es ist wirklich wie im Land der Cowboys! Abends bildet sich rings um die Macelleria Giuliani eine mächtige Wagenburg aus Campern. Auch einige Reiter galoppieren heran. Vor der Fleischerei, die äußerlich einem astreinen Saloon gleicht, binden sie ihre Pferde fest. Mehrere riesige Grills sorgen auch nach Sonnenuntergang noch für lauschige Temperaturen auf gut 2.000 Metern Seehöhe. Ein frischgegrilltes Steak, der Anblick der Berge … gleich hinter der Wagenburg zieht eine Horde wilder Pferde über das Hochplateau. Die Holzkohle glimmt noch, als der Mond schon hinter den Felsriegeln hochwandert. Sind wir wirklich mitten in Italien oder war im letzten Cappuccino etwa Whisky?
 
Das Campo ist die Basis für Wandertouren. Unzählige Trampelpfade der riesigen Herden, jede Menge Wanderwege und im Spätsommer und Herbst auch ausgetrocknete Flussbetten stehen auf dem übersichtlichen Hochplateau zur Verfügung. Wir wandern zunächst durch riesige Schafherden. Erklimmen etwas oberhalb von Santo Stefano di Sessanio den Rand des Campos. Dort oben genießen wir einen kolossalen Blick auf das Kastell von Rocca di Calascio. Der monumentale Festungsbau mit seinen vier Wehrtürmen ist nicht nur eine der höchstgelegenen Burgen Italiens, sondern sicherlich auch eine der eindrucksvollsten. Nicht umsonst geben sich hier internationale Filmteams die Türklinke bzw. die Zugbrücke in die Hand. Eine kleine Stichstraße führt direkt vom Campo in wilden Kehren durch die Bilderbuchlandschaft an der Burg vorbei nach San Stefanio.

Die engen, verwinkelten Gassen, wo man nicht einmal einen Kinderwagen ohne Rangieren um die Ecke bringt, sind eine Augenweide. Eigentlich kein Wunder: Der Ort war früher ein Lehen des Hauses Medici, wurde also stets gehegt und gepflegt. Noch heute finden wir an der Piazza Medicea ein Familienwappen dieses berühmten florentinischen Geschlechts auf einem Steinbogen. Neben der schönen Pfarrkirche befand sich auch noch ein graziler Uhrturm. Leider wurde er beim katastrophalen Erdbeben in der Nacht vom 6. April 2009 zerstört. Von den Ruinen reicht der Blick über die verwitterten Ziegeldächer bis zur Adria. Weit unten, etwas außerhalb des Dorfes, können wir sogar unser Wohnmobil entdecken. Zum Glück haben wir rechtzeitig geparkt – die engen Gassen hätten uns alsbald zum Rückzug gezwungen. Kaum zu glauben, die Küste scheint zum Greifen nahe. Und doch sind wir hier hart an der Grenze zum Latium. Die ewige Stadt Rom ist gerade einmal 150 Kilometer entfernt.

 
Wir bleiben in den Bergen, kurven durch den nahen Parco Naturale Sirente-Velino. Der Nationalpark der Abruzzen, noch weiter südlich, wurde bereits 1923 eingerichtet und zählt zu den ältesten Naturschutzgebieten Europas. In dem dicht bewaldeten Park gibt es sogar noch gut 50 Braunbären und etwa 100 Wölfe. Aber keine Bange: Den Tieren wurde lange Zeit übel mitgespielt. Sie fürchten sich wohl mehr vor uns Menschen als umgekehrt.
 
Sulmona, Pacentro, Caramanico Terme, von all den heißen Bergetappen zieht es uns ans Meer. Nach diesem Edelwestern spielen wir uns ganz klassisch mit viel Eiscreme, Pizza und dolce far niente zurück in die Alpen. Auch wenn uns der Tausch von Cowboyhut und Colts gegen Badehose und Schlapfen schwerfällt.

Information

Gebietsinfo Abruzzen:

In den Abruzzen kann sich jeder noch als Entdecker fühlen! www.abruzzoturismo.it

Anreise:

Brenner, A 22 bis Modena, A 1 Richtung Bologna und Firenze, bei Bologna auf die A 14, bis in die Abruzzen entlang der Adria, bei Giulianova runter auf die Nr. 80 bis Teramo und auf der A 24 direkt unter dem Gran Sasso hindurch. Abfahrt
je nach Zielort.

Beste Jahreszeit:

Wer sich das Gran Sasso Massiv und v.a. das Campo Imperatore nicht entgehen lassen möchte, sollte nicht früher als Mai/Juni und keinesfalls später als Mitte Oktober unterwegs sein, es könnte sonst noch Schnee liegen!

Essen:

In den Bergdörfern gibt es häufig keine Speisekarte. Wirtin oder Wirt tragen vor was es gibt. Die Wochenmärkte haben eine schillernde Auswahl an kleinen Köstlichkeiten. Supermärkte gibt es nur in den großen Provinzstädten.

Charakteristik der Parks

P.N del Gran Sasso e dei Monti della laga:


Für uns der absolut schönste Park der Region. Abwechslungsreich und landschaftlich unschlagbar. Die Weite des Campo Imperatore erinnert an Bilder aus der Mongolei oder den Hochebenen der Anden. Vergleichbares gibt es in den gesamten Alpen nicht.
Ausgangsorte für die Monti dell Laga: Ceppo, Cervaro
Ausgangsorte für den Gran Sasso: Pietracamela, San Stefano di Sessanio, Castel del Monte
 

P.N. Sirente-Velino

Zwei Massive mit kargen Hochebenen dazwischen. Viele Forstwege und breitere Schotterstraßen für Radfahrer
Ausgangsorte: Mte. Cefalone, Rocca di Mezzo, Celano.
 

P.N. d‘Abruzzo

Weniger markante Felsen, dafür gibt es jede Menge Flora & Fauna (Bären, Wölfe, Gemsen, Geier).
Ausgangsorte: Rund um den Lago di Barrea, Pescasséroli, Scanno (etwas außerhalb am Ostrand des Parks).
 

P.N. della Maiella

hohe, stark bewaldete Berge mit fotogenen Schluchten, Canyons und Tropfsteinhöhlen.
Ausgangsorte: Pennapiedimonte, Caramánico Terme, Pacentro.

Fotos&Text: Norbert Eisele-Hein


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